Brennpunkt Dorsch

Kein anderes Thema wird derzeit in Anglerkreisen so heiss diskutiert wie die bedrohliche Bestandssituation der Ostsee-Dorsche und die damit möglicherweise bevorstehenden Konsequenzen für die Petrijünger. Im Klartext: Die Europäische Kommission hat für die Berufsfischerei vom 1. März bis 30. April eine Frühjahrsschonzeit für die Dorsche der westlichen Ostsee (westlich von Bornholm) erlassen. Damit sollen die Laichfische geschützt werden. Dieser Beschluss trägt unter anderem den Forderungen des Landessportfischer-Verbandes Schleswig-Holstein (LSFV) und des Verbandes Deutscher Sportfischer (VDSF) Rechnung. Beide Organisationen empfehlen ihren Mitgliedern, sich dieser Schonzeit anzupassen und im März und April nicht auf Dorsche zu angeln. "Wir erklären uns damit solidarisch mit den Berufsfischern und wollen auf diese Weise dazu beitragen, den Dorschbestand zu schützen. Allerdings können wir keinen Angler zwingen, sich daran zu halten. Wir sprechen lediglich Empfehlungen aus", sagt Michael Kuhr, Pressesprecher des LSFV.

Bereits vor drei Jahren hatte der LSFV eine Initiative zum Schutz der Ostsee-Dorsche gestartet. Anstoss zur Kritik gab die bisher geltende, biologisch wenig sinnvolle Sommer-Schonzeit vom 1. Juni bis 31. August. Weitaus wichtiger erschien es den Verbänden, den Dorsch während seiner Laichzeit zu schützen, die in der westlichen Ostsee drei bis vier Monate früher beginnt.

Doch viele Angelkutter-Kapitäne wären alles andere als glücklich darüber, wenn sich auch die Petrijünger nach dieser Schonzeit zu richten hätten. Denn dies würde bedeuten: Sämtliche Angelkutter dürften im März und April nicht mehr zum Dorsch-Fischen in See stechen. "Eine solche Schonzeit würde das Aus für alle Angelkutter in Deutschland bedeuten", empört sich Bernhard Mielitz, Kapitän der "Forelle" in Heikendorf. "Erst durch die Grossdorsch-Fischerei in den Winter-Monaten wird der Betrieb unserer Schiffe rentabel. Ausserdem fallen die Laichdorsche, die die Angler fangen, nicht ins Gewicht. Ich schätze, dass auf allen deutschen Kuttern während der Wintersaison maximal 200 Laichdorsche über 20 Pfund gefangen werden. Im Vergleich zu den Mengen der Berufsfischer ist das nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Ausserdem besteht auf meinem Schiff die Möglichkeit, die Dorsche nach dem Fang zurückzusetzen. Dazu habe ich fünf grosse Kescher an Bord, die jeder Angler gern nutzen kann, auch wenn davon bisher nur etwa zehn Prozent meiner Kunden Gebrauch machen", erklärt Mielitz weiter.

Auch Willi Lüdtke, der 1. Vorsitzende der Norddeutschen Bäder- und Hochseeangelschiffsbesitzer e.V., ist von dem Brüsseler Gesetz nicht gerade begeistert: "Da wurde über unsere Köpfe hinweg entschieden. Gefragt hat uns jedenfalls niemand."
Horst Hennings, Chef des Meeresteams von Daiwa-Cormoran, vertritt folgende Meinung: "Dass die Laichdorsche geschützt und entsprechende Schongebiete eingerichtet werden, halte ich für durchaus sinnvoll. So verurteile ich es auch, dass einige Kutter gezielt die Laichplätze ansteuern. Dennoch: Die vom VDSF und LSFV geforderte, generelle Schonzeit von zwei Monaten würde für alle Angelkutter den Ruin bedeuten. Auch die Geräte-Industrie sowie die Fachhändler wären davon betroffen, vor allem aber die Brandungsangler, die keine Laichdorsche an Land ziehen. Ausserdem sollte man doch erst einmal abwarten, wie viel die Angler tatsächlich fangen, bevor man vorschnelle Entscheidungen trifft."

Letztere Frage beschäftigt auch die Wissenschaftler. Norbert Schultz vom Institut für Ostseefischerei Rostock führt beispielsweise seit vergangenem Jahr eine Statistik über die Dorschfänge der Angler. Dazu hat er verschiedene Fragebögen entwickelt, die die Petrijünger auf freiwilliger Basis ausfüllen können. "Wir wollen herausfinden, ob die Fänge der Angler bei unseren Bestandsberechnungen berücksichtigt werden müssen. Bisher liegen mir allerdings noch keine konkreten Ergebnisse vor. Das liegt auch daran, dass sich die Daten-Erfassung sehr schwierig gestaltet , weil unter vielen Anglern grosse Skepsis herrscht. Eine fundierte Studie würde allerdings sowohl uns Wissenschaftlern als auch den Anglern, zu denen auch ich gehöre, Klarheit bringen." Dies klappt natürlich nur, wenn beide Seiten zusammenarbeiten.

Dr. Gerd Kraus vom Institut für Meereskunde in Kiel, der sich mit der Bestandssituation der Dorsche in der Ostsee beschäftigt, kann sich nur schwer vorstellen, dass die Anglerfänge entscheidend zur Dezimierung der Bartelträger beitragen: "Wichtig ist meiner Meinung nach, dass die von der EU im Dezember letzten Jahres beschlossenenen Massnahmen zum Schutz der Ostsee-Dorsche streng kontrolliert und von den Berufsfischern eingehalten werden. Wir nähern uns beim Laicherbestand in der zentralen Ostsee langsam, aber sicher, dem historischen Tief vom Jahre 1992. Damals gab's in der zentralen Ostsee nur etwa 92.000 Tonnen Laichdorsch. Anfang der 80er Jahre lag der Laicherbestand dagegen noch bei 650.000 Tonnen. Ähnlich bedrohlich ist die Bestandssituation in der westlichen Ostsee. Dort hatten wir im Jahr 2003 mit rund 14.000 Tonnen Laicherbestand wieder die historisch niedrigen Werte vom Beginn der 90er Jahre erreicht. Anfang der 80er Jahre waren es dagegen noch knapp 60.000 Tonnen."

Diese Zahlen belegen, dass durchaus grosser Handlungsbedarf besteht. Auch wir Angler sollten diesem Problem offen gegenüber treten und uns überlegen, inwieweit wir einen Beitrag zum Schutz der Ostsee-Dorsche leisten können. Da wäre der Schutz der Laichgebiete, für den sich auch der Deutsche Anglerverband (DAV) und der Deutsche Meeresangler-Verband (DMV) aussprechen, sicher ein Schritt in die richtige Richtung. So würde man im Gegensatz zu einer generellen Schonzeit den Brandungsanglern keine Zwangspause verordnen, und die Kutter bräuchten im Frühjahr nicht in den Häfen zu bleiben, sondern könnten auf andere Reviere ausweichen.


Christian Hoch - FISCH & FANG-Redakteur